Création Nocturne
Partizipative Performance / Didaktische Tangible User Interfaces (TUI), 2023–24
Ritus der Geburt beim Ars Electronica Festival 2024, performt von Naho Takeda und der Autorin. Foto: Camilla Scholz.
Eine mystische Zeremonie wird abgehalten, um eine seltene Spezies zu ehren und zu pflegen, die nur einmal im Jahr für eine einzige Nacht erblüht. Das Ritual begleitet den gesamten Lebenszyklus der Création, die nur für diese flüchtigen Stunden der Nacht erscheint.
Création Nocturne ist eine partizipative Performance, die Besucher:innen dazu einlädt, sich durch die meditative Interaktion mit einer didaktischen Tangible User Interface (TUI) mit den Ursachen existenziell bedingter Schlafvermeidung auseinanderzusetzen. Inspiriert von der Focusing-Oriented Art Therapy (FOAT) untersucht das Projekt das Potenzial interaktiver Kunst als Raum für Reflexion und emotionale Verarbeitung.
Die Performance ist als offene Nachtperformance angelegt. Besucher:innen können die Zeremonie jederzeit zwischen 20:00 und 2:00 Uhr betreten, so lange bleiben, wie sie möchten, und den Raum jederzeit wieder verlassen.
Ritus der Geburt beim Ars Electronica Festival 2024, performt von Naho Takeda und der Autorin. Foto: Camilla Scholz.
Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit Minju Jeong, mit technischer Unterstützung von Gabriel Eckerstberger sowie weiterer Unterstützung durch Daniel Fischer und den /dev/lol Hackerspace. Es wurde im Rahmen der Ausstellung NOUS – Interface Cultures beim Ars Electronica Festival 2024 präsentiert und gemeinsam mit Naho Takeda in Kooperation mit RedSapata und dem Sonnenstein Loft performt.
Création Nocturne entstand während meines Erasmus-Studiums im Programm Didactique Visuelle an der HEAR Straßburg. Ausgangspunkt war die Frage:
Kann eine interaktive Installation zugleich didaktische Schnittstelle und Raum für emotionale Reflexion und Verarbeitung sein?
Zur gleichen Zeit beschäftigte ich mich mit dem Phänomen der Bedtime Procrastination sowie dessen möglicher Verbindung zu existenzieller Angst, Verletzlichkeit und dem Bedürfnis nach Kontrolle. Aus diesen beiden Fragestellungen entwickelte sich schließlich Création Nocturne.
Das Projekt orientiert sich an den Prinzipien der Focusing-Oriented Art Therapy (FOAT) und der Dramatherapie und interpretiert diese im Kontext partizipativer Performance und haptischer Interaktion neu.
Blüte des Nachtkaktus (Epiphyllum oxypetalum, 2007). Foto: MAK, Wing Kuen.
Die TUI im aufgeblühten Zustand während des Ritus des Wachstums (2024). Screenshot aus NOUS – Interface Cultures beim Ars Electronica Festival 2024. Foto: Lina Alejandra Pulido Barragán. Screenshot der Autorin.
Die visuelle Sprache der Création wurde vom Nachtkaktus (Epiphyllum oxypetalum) inspiriert, einer Blume, die nur einmal im Jahr und nur für eine einzige Nacht erblüht. Ihre kurze Blüte wurde zur Metapher für Fragilität, Fürsorge und die Bedingungen, unter denen etwas Zerbrechliches entstehen kann.
Gemeinsame Bewegung während des Ritus der Geburt beim Ars Electronica Festival 2024. Foto: Camilla Scholz.
Die Riten
Die Besucher:innen betreten eine fiktive Zeremonie, die sich um die Ankunft eines außergewöhnlichen Wesens – der Création – dreht. Während der Performance folgen sie zwei Priesterinnen und werden selbst Teil des Rituals.
Die Performance entfaltet sich in vier symbolischen Riten:
- Ritus der Geburt
- Ritus des Wachstums
- Ritus des Lebens
- Ritus des Todes
Jeder Ritus markiert einen Abschnitt im Lebenszyklus der Création und eröffnet eine andere Form der Teilnahme.
Im Zentrum der Zeremonie steht eine Tangible User Interface – ein Wesen, das auf Licht und Klang reagiert. Inspiriert vom menschlichen Schlafrhythmus wächst und erblüht es, wenn seine Umgebung ruhig bleibt. Zu viel Licht oder Lärm versetzen es in einen defensiven Zustand.
Die Besucher:innen werden Teil eines gemeinsamen Akts der Fürsorge. Gemeinsam schaffen und erhalten sie die Bedingungen, die die Création benötigt, um vollständig aufzublühen und ihren Lebenszyklus zu vollenden.
Mein Beitrag
- Forschung & Konzeption: Entwicklung der Forschungsfrage, des künstlerischen Konzepts sowie der narrativen Struktur, des Rollenspielrahmens und des Partizipationskonzepts.
- Entwicklung der Schnittstelle: Zusammenarbeit mit Minju Jeong bei Gestaltung und Mechanik der Création; Umsetzung der Software durch Gabriel Eckerstberger und Unterstützung der Elektronik durch Daniel Fischer.
- Interaktions- & Performancedesign: Entwicklung der Performance, der Zeremonie und des Besuchserlebnisses gemeinsam mit Naho Takeda.
- Künstlerische Leitung: Gestaltung der visuellen Identität, des Kostüms, der räumlichen Inszenierung sowie von Animation und Klanggestaltung.
- Projektkoordination: Organisation des Gesamtprojekts sowie Koordination der Zusammenarbeit mit dem Team, Sonnenstein Loft und RedSapata.